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Alexander Solschenizyn und sein Archipel Gulag, SWR2, 6. Dezember 2018

28 Minuten Radio für das lange Leben des Alexander Solschenizyn

Audio (ARD mediathek) hier. Zusätzlich die von den Online-Kollegen gestaltete Seite zur Sendung (dort auch Manuskript als pdf und Hörzugang).
Regie:  Alexander Schumacher

Unbeachtet bleiben das Spätwerk Solschenizyns mit seiner weitreichenden Liechtensteiner Rede (1993) und seine fortwährende Fehlinterpretation jüdischen Lebens und jüdisch-sowjetischer Geschichte, die einer eigenen Sendung bedürfen.
Sonja Margolina 2002, Sabine Adler 2003 und kürzlich die Bamberger Historikerin Elisa Kriza sprechen für mich zurecht von Antisemitismus im Werk Solschenizyns.

Solschenizyn SWR

1918 (1974) 2018
Zum 100. Geburtstag von Alexander Solschenizyn

Wir lassen, schlage ich vor, so Martin Walser im SPIEGEL (07/1974 S. 120), Tafeln herstellen, die das Bild Solschenizyns zeigen, und stellen sie auf möglichst vielen öffentlichen Plätzen auf…Des weiteren schlage ich vor, dass jeder, der vorbeigeht, den Hut bzw. die Kopfbedeckung abnimmt oder doch wenigstens berührt.

Mit anderen Worten: er, der erklärt-linke Schriftsteller lasse sich auch von einem Günter Grass nicht nötigen, Solschenizyn zu würdigen. Grass hatte, Tage zuvor im Februar 1974 bei kommunistisch orientierten Kollegen bemängelt, dass von denen „kein Wort für Solschenizyn“ komme.

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Der im Westen bis heute, wohl nicht zuletzt aufgrund seiner linken Verortung, verehrte Schriftsteller Walser hat sich, soweit bekannt, zu Walser und Solschenizyn auch nach 1989 nicht mehr geäußert. Schon unappetitlich 1974. Bedenkt man allein, dass Walser 1945 Soldat der deutschen Wehrmacht war. Solschenizyn hingegen hatte drei Jahre lang, fast ununterbrochen, zuletzt als Artillerieoffizier in der 48. Armee/2. Belorussische Front im Feuerhagel der deutschen Wehrmacht kämpfend zum Sieg über die nationalsozialistischen Machthaber und ihre Invasionsarmee beigetragen.

Bis zu seiner Verhaftung durch das NKWD am 8. Februar 1945, verurteilt wegen Kritik an Stalin am 7. Juli 1945 zu acht Jahren Lagerhaft.
Walser dagegen machte 1946 in Lindau am Bodensee Abitur, arbeitete für ARD-Sender im Südwesten, promovierte 1951 in Tübingen über Franz Kafka und entdeckte recht bald seine anhaltende Vorliebe für kommunistische Ideen.

Der FAZ-Journalist Rainer Hank (Links, wo das Herz schlägt, S. 45f) schreibt 2015 in der Rückschau auf seine eigenen linken Verwindungen: Natürlich ignoriert auch Walser die Erfahrungen von Solschenizyn. Mehr noch, er macht sich darüber lustig, dass ein Teil der deutschen Öffentlichkeit von den Beschreibungen des Gulag schockiert wurde und nicht nur Heinrich Böll, der Solschenizyn Asyl bot, sondern auch Günter Grass sich solidarisch zeigten.

Es ist nicht überliefert, wie viele Sektkorken im Feiern dieser stramme Haltung Walsers gegen Solschenizyn in westdeutschen, linken Studentengruppen flogen. Die westlich-linken Reaktionen auf Solschenizyn unterschieden sich nur wenig von den ideologischen Abwertungen, die in Moskau oder Ostberlin verfasst worden waren. (Rote Blätter – Organ des Marxistischen Studentenbundes Spartakus, Nr. 16, Februar 1974, Solschenizyns stärkstes Stück: Die menschenfeindlichen Lügen im ‚Archipel GULAG‘)

Am 13. Februar 1974 wurde Solschenizyn aus der Sowjetunion ausgebürgert. Zu deutlich seine Kritik am sozialistischen Lagersystem.  Zu kompromisslos sein Kampf gegen das kommunistische Narrativ: wir sind die Progressiven. Wir haben die Ausbeutung des Menschen beseitigt. Wir bauen die lichte Zukunft des Sozialismus auf. Also sagen wir, was gute Literatur ist und was unsere Bevölkerung lesen darf, wofür sie reif ist zu lesen.
Jeder, auch der noch so talentierte Schriftsteller, der sich gegen unser Zukunftsprojekt wendet, könne nur geisteskrank, vom Westen gekauft oder gar Agent des Westens sein.
Das galt auch für das DDR-Kulturministerium und sein Fenster zur Welt, den Ostberliner Verlag Volk und Welt. Der hatte es folgerichtig abgelehnt, die Novelle „Ein Tag des Iwan Denisowitsch / Один день Ивана Денисовича (später unter dem Titel „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“) zu drucken.
Die Lektorin schrieb in einem Gutachten 1962: Werden unsere Leser stark genug sein, um die geschilderten Abweichungen von der sozialistischen Gesetzlichkeit unter Stalin und die Konsequenzen daraus in der Gegenwart richtig zu verstehen?  Man solle später eine Übersetzung/Veröffentlichung prüfen. Parteichef Ulbricht unterband eine Veröffentlichung.   Der 2018 verstorbene DDR-Slawist und Übersetzer Fritz Mierau schämte sich für diesen un-kulturellen Fehler in einem verschollenen Artikel im Jahr 1991.
Die DDR-Kulturpolitik setzte bewußt auf die Verdammung Solschenizyns, ungebrochen auch während der Zeit der sowjetischen Perestroika.
Der Unterhaltungsautor Harry Thürk durfte Der Gaugler schreiben. Am Rande Moskaus, in einer komfortablen Datscha, sitzt Ignat Isaakowitsch Wetrow. Er selbst bezeichnet sich als Wahrheitsverkünder. Zeitungen westlicher Länder nennen ihn Dichter.  Das Buch, in der DDR in hoher Auflage ab 1978 gedruckt, beschreibt Alexander Solschenizyn als CIA-Agenten. Der antisemitische Zungenschlag (Isaakowitsch) war Kalkül.

Dabei bleibt es fraglich, ob sich an den einst gemeißelten Positionen pro/contra Solschenizyn über die dann folgenden 40 Jahre wirklich etwas verändert hat.
Bereits 1999 schrieb Ulrike Ackermann (später Sündenfall der Intellektuellen, 2000)
Das Erscheinen von Alexander Solschenizyns ‘Archipel Gulag’, sein Werk über die sowjetischen Lager, löste bei deutschen Intellektuellen kaum einen öffentlich wahrnehmbaren Schock aus, noch sorgte es für ein Erdbeben in den bestehenden politisch-intellektuellen ‘Lagern’. Anstelle eines Bruchs waltete hierzulande eher eine Kontinuität, deren traditionsreiche Denkfiguren wie der ‘Anti-Antikommunismus’ bestimmten weiterhin den Diskurs. Selbst der reale Zusammenbruch des Kommunismus 1989 und der Fall der Mauer zeitigten nur zögerliche Folgen im linksliberalen Milieu; die Stabilität der deutschen Gesinnungslager blieb – weitgehend – gewahrt.

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Dabei wäre ein Widerstand gegen Solschenizyn im Westen Deutschlands verstehbar, der sich gegen einen einfachen Vergleich der Gulag-Schilderungen mit den deutschen Verbrechenslagern verwehrte. Immerhin war seit den 1960er Jahren mühsam die Beschreibung des deutschen Angriffskrieges und der deutschen Vernichtungslager ins öffentlichen Narrativ eingebracht worden.  Während der offizielle Osten beim „antifaschistischen“ Narrativ von 1936 stehen blieb,  auf die Erforschung der Vernichtungslager, der Vernichtung jüdischen Lebens in Osteuropa keinen Wert legte. Und auch im Westen wurde nur zaghaft selbst im Historikerstreit nach 1986 eine gewisse Dimension des Verstehens der sowjetischen Lager erreicht. Jorge Sempruns Forderung, vorgetragen bei den Römerberggesprächen 1986, verhallte praktisch ungehört: (Gegen den Versuch, Vergangenheit zu verbiegen, 1987, S. 49)
Wer aber vom Stalinismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.

Und 2018? Um heute Solschenizyn zu begegnen, muss man weite Wege gehen, nach den wenigen Seminaren an literaturwissenschaftlichen oder slawistischen Instituten suchen. Er ist ein Vergessener.  Denn was lernen deutsche Abiturienten über Solschenizyn, das sowjetische Lagersystem? Nichts. Das hat der Geschichtslehrer Christian Könne in einer Studie 2017 herausgefunden.
Dabei wäre gerade im Osten eine nachholende Beschäftigung mit Solschenizyn aufgegeben.  Nicht zuletzt „Stunde-Null-Linke“,  die seit 1989 fortwährend erklären, mit der DDR oder dem „realen Sozialismus“ rein gar nichts zu tun zu haben.  Gleichzeitig aber, bewusst oder in Unkenntnis des Stalinismus, an den Mythen marxistischer Geschichtsschreibung als Mitgliedskarte der gläubigen Legitimationsgemeinde festhalten.  Dabei neuerdings allzu gern Putin-offizielle Geschichtspolitik übernehmend.

In Russland selbst wird 2018 hochoffiziell der 100. Geburtstag des Dichters gefeiert.  Wie man hört mit einem neuen Museum in Moskau und ehrenden Veranstaltungen soll Solschenizyn endlich dem neuen russischen Nationalismus einverleibt werden.
Doch so einfach wollen das nicht alle im Lande mittragen. In Rostow am Don, wo Solschenizyn seine Kindheit und Studentenzeit verbracht hatte, wollen die heutigen Studenten und eingefleischte Linke noch immer kein Denkmal für den Verräter Solschenizyn.

 

*Weitere Sendungen zu Solschenizyn im ARD-Radioprogramm:
Spannend finde ich, dass die verschiedenen Autoren ganz verschiedene Sichtweisen zeigen und auch die z. T. gleichen Textstellen in verschiedenen Übersetzungen und Interpretationen vorzulegen

Volksfeind und Heiliger – Solschenizyns Rückkehr nach Russland (Mario Bandi)
WDR3,  8. Dezember 2018 (auch DLF/Deutschlandfunk Kultur und RBB am 7. Dezember 2018)

Kulturradio RBB, 1. Dezember 2018 (Dunja Welke)

Am Morgen vorgelesen. Die Sonnabend-Story: Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch
NDR Kultur,  8. Dezember 2018